5 Fragen an Dr. Anna Christmann, Koordinatorin der Bundesregierung für die Deutsche Luft- und Raumfahrt.

Porträts – Pioniere der Luft- und Raumfahrtindustrie sowie politische Entscheider geben persönliche Einblicke und ihre Einschätzung zu aktuellen Branchentrends.

1    Was sind Ihre Erwartungen an die ILA 2022 – Worauf freuen Sie sich am meisten?

Ich freue mich auf einen echten Aufbruch für eine zukunftsfähige Branche, die das Ziel der klimaneutralen Luftfahrt engagiert anpackt. Wir ziehen alle an einem Strang. Nach der Krise habe ich in meiner neuen Funktion das Glück, mit einer ILA zu starten, bei der der persönliche Kontakt mit den Vertreterinnen und Vertretern der Branche wieder möglich ist. Ich bin sehr interessiert, neue Technologien und Ideen zu sehen und in einen konstruktiven Austausch mit der Branche zu kommen. 

2    Welche zentralen Trends sehen Sie gegenwärtig in der Luft- und Raumfahrtindustrie? 

Kaum eine Branche wurde durch die Covid-19-Krise so hart getroffen wie die zivile Luftfahrtindustrie und in der Folge dieser Pandemie wird sich die Branche stark verändern.  Ich begrüße es, dass die Branche trotz allem sehr ernsthaft an der Transformation zu mehr Nachhaltigkeit und Klimaneutralität arbeitet. Es ist der richtige Weg, vorausschauend die Technologien zu entwickeln, mit denen wir in Europa zeigen können, wie nachhaltige Luftfahrt geht.

Auf dem Weg der Transformation werden die Luft- und Raumfahrtunternehmen noch stärker in disruptive Technologien aber auch in bekannte Themen wie neue Werkstoffe und Fertigungsverfahren investieren. Daher spielen Themen wie Künstliche Intelligenz, neue Materialien und Digitalisierung nach wie vor eine zentrale Rolle. 

3    Was kann die Politik tun, um das Ziel der Klimaneutralität in der Luft- und Raumfahrt zu beschleunigen?

Die Vision vom „Zero Emission Aircraft“ ist ein strategisches Leitziel der Bundesregierung im Bereich der Luftfahrtforschung.

Um das zu erreichen brauchen wir Zwischenschritte wie z.B.: 

  • Optimierungen wie Leichtbau, Digitalisierung, Aerodynamik, neue Materialien. Dadurch kann der CO2-Ausstoß von Luftfahrzeugen um bis zu 50% gesenkt werden.
  • Ausweitung der Nutzung von SAF (Sustainable Aviation Fuels) / PtL (Power-to-Liquid). Um diesen Schritt zu ermöglichen, muss die Verfügbarkeit besser und der Preis dieses synthetischen Kerosins niedriger werden.
  • Darauf aufbauend ist Wasserstoff (H2) eine verlockende Vision. Der H2-Regionalflugzeug-Demonstrator ist bis 2030 realistisch und ein zentrales Ziel des Programms BMWK-LuFo Klima.
  • Die Bundesregierung hat verschiedene Programme und Instrumente (weiter)entwickelt u.a. das Luftfahrtforschungsprogramm, das jetzt LuFo Klima heißt, um mit diesen Steuerungsinstrumenten anwendungsnahe F+E für die Entwicklung neuer Technologien anzureizen.

4    Wenn Sie eine berühmte Persönlichkeit der Luft- und Raumfahrt treffen könnten – aus Gegenwart oder Vergangenheit: Wer wäre es und wieso?

Ich würde mich gern mit den Pionierinnen der Luft- und Raumfahrt treffen und allen jungen Frauen Mut machen, sich für diesen Hochtechnologiebereich zu interessieren. Viele denken bei Luftfahrt bisher vor allem an die Brüder Montgolfier, Otto Lilienthal oder die Gebrüder Wright, die ohne Frage gezeigt haben, wie man mutig die menschlichen Möglichkeiten der Fortbewegung revolutioniert.
Ich würde gerne dazu beitragen, dass viele junge Mädchen sich auf den Weg machen, die Luftfahrt-Revolutionärinnen der Zukunft zu werden. Mit Frauen wie Jeanne Geneviève Labrosse, Melli Beese, Thea Rasche oder Hanna Reitsch gibt es auch heute schon einige, die bekannter sein sollten. Und auch im Weltall wünsche ich mir natürlich die erste deutsche Frau, die von ihren Erlebnissen berichten und viele Mädchen und junge Frauen inspirieren kann.

5    Was ist aus Ihrer Sicht der wichtigste Mehrwert, den die Luft- und Raumfahrt für Wirtschaft und Gesellschaft bringt?

Die Luft- und Raumfahrt steht für Hochtechnologie, die uns bei vielen gesellschaftlichen Herausforderungen helfen kann. Sie ist eine tragende Säule der deutschen Wirtschaft und verbindet Menschen und Unternehmen gleichermaßen.
Wir streben an, dass Deutschland zu einem Vorreiter für ein zukunftsfähiges und umweltverträgliches Luftverkehrssystem wird. Dazu bedarf es weiterer Investitionen in umweltschonende Technologien und die konsequente Arbeit an alternativen und nachhaltigen Antrieben und Kraftstoffen, die auch in anderen Industriezweigen zum Einsatz kommen können.

Bei der Raumfahrt denken zu viele Menschen an ‚Star Trek‘ oder Weltraumtourismus von wenigen. In Wahrheit nützt sie uns allen jeden Tag erheblich und ist eine wichtige Quelle von Daten und Faszination für Wissenschaft. Angefangen bei der Erdbeobachtung, mit der wie die Landwirtschaft nachhaltiger machen und Waldbrände verhindern können. Die Raumfahrt lässt uns aber auch weltweit kommunizieren und vernetzt uns. Sie steuert Autos, Schiffe und Flugzeuge, den internationalen Handel und sogar die Finanzmärkte. Sie verbessert unsere medizinische Versorgung und hilft uns, unsere Umwelt und Menschenleben besser zu schützen. 
 

christmann-anna